Sonntag, 11. März 2012

Tod auf Neßsand


                                                      Tod auf Neßsand   
Der Schweinesand  mitten in der Elbe am Hauptschifffahrtsweg  vor Blankenese wurde  durch Aufspülung  zum Neßsand. Hatte man doch Teile vor Finkenwerder  -  das Neß  - weggebaggert, um eine ausreichende Wasserfläche für Wasserflugzeuge zu bekommen.
Der junge  ehemalige deutsche Soldat Gerd Japp, hatte im Krieg den linken Arm verloren und sich nach dem zweiten Weltkrieg  angesichts  der schweren Wohnungsnot in Hamburg in einer ehemaligen Flakbaracke auf dieser Elbinsel vor Blankenese eingerichtet und wohnte hier mit seiner Frau Wilma Japp  und später mit den Kindern Karin, Ingo und Jutta  ein Leben wie Robinson Crusoe mitten in Hamburg.
Die Insel selbst ist ein Unikum. Gleich drei Länder stoßen auf dieser Elbinsel zusammen und drei Verwaltungen haben Besitzansprüche  und Zuständigkeiten. Doch nach dem  Zusammenbruch im Mai 1945 hatte der damalige Leiter Duve des Hamburger Naturschutzamtes  in Gutsherrenart Jörg Japp  auf der Insel als freien Mitarbeiter ohne Entgelt und Bindung angeworben und vereinnahmt. Ein kleines Schlauchboot war  für Versorgungsfahrten  vorhanden.
Später wurde ein ordentliches Anstellungsverhältnis mit Gerd Japp begründet. Gerd Japp war jetzt Mitarbeiter des Naturschutzamtes  und Inselwart von Neßsand.  Das war auch vonnöten, denn  nicht nur Blankeneser , sondern  Sonnenhungrige aus ganz Hamburg überfluteten an sonnigen Sommertagen die Insel. Hier wurden Zelte aufgebaut und Behelfsheime errichtet. An der Südkante war sogar ein Nacktbadestrand und von Blankenese aus fuhren mindestens drei Barkassen  im Sommer zur Insel. Da musste Ordnung geschaffen werden.
Da drei Länder ihre Zuständigkeiten anmeldeten, musste Hamburg erstmal  abklären, wer  federführend die Aufsicht über die Insel haben sollte. Na klar, Hamburg, denn die Hamburger hatten schon einen Inselwart installiert. Ohne langes Aufsehen wurden die touristischen Ansprüche der Hamburger auf der Insel eingeschränkt. Man fuhr jetzt auch lieber nach Norderney und Italien.
Am Freitag, den  16.  Februar 1962 fuhr der Inselwart Gerd Japp mit seiner  Barkasse, einem ehemaligen Vermessungsboot, nach  Blankenese und vertäute das Schiff am Bull’n. Er wollte zum Wochenende seine schulpflichtige älteste Tochter Jutta  von der Gorch – Fock – Schule abholen und auf die Insel zurück bringen.  Durch den Sturm, der sich im Laufe des Tages zum Orkan auswuchs, war es ihm nicht möglich auf der Insel anzulanden.
Verzweifelt  rief er die Wasserschutzpolizei zur Hilfe. Die informierte die Hamburger Feuerwehr, denn die hatte ein größeres Feuerlöschboot bei der Deutschen Werft liegen, das bei dem hohen Wellengang, der während des Orkans auf der Elbe herrschte, besser geeignet erschien.
Von der Feuerwache Finkenwerder setzte sich ein Feuerlöschboot mit dem Schiffsführer Gerd Stecher und seinen sieben Männern  in Richtung Blankenese in Marsch.  Blankenese wurde erst nach fast einer Stunde Fahrzeit erreicht. Hier stieg Gerd Japp mit ins Boot. Die Fahrt von Blankenese Anleger bis zur Südkante von Neßsand zog sich wegen des mit aller Macht tobenden Sturmes endlos hin. Bei der Insel angelangt, es war inzwischen Nacht geworden, sahen Gerd Japp und die Feuerwehrmänner im Scheinwerferlicht des Bootes  Frau Japp und ihre jüngsten Kinder in einem Beiboot sitzen, das auf den Wellen zwischen Baumspitzen auf der Insel trieb. Allem Anschein nach war es der Frau noch gelungen, das Boot am Dach oder einer Baumkrone festzubinden. Die Feuerwehr setzte vom Löschboot aus  ein mit drei Männern besetztes Schlauchboot ein, um an die ca. 100 Meter entfernte Frau heranzukommen. Bereits wenige Meter vom Löschboot entfernt wurde das Schlauchboot mit drei Männern von den Wogen erfasst und zum Kentern gebracht.Sie befanden sich unter dem Kiel des Feuerlöschbootes. Die Feuerwehrmänner konnten nur mit größter Mühe lebend geborgen werden. Sie waren Gottseidank angeleint gewesen.  Die Schreie von Wilma Japp die bis dahin fetzenweise bis zum Feuerlöschboot hin vernehmbar waren, brachen urplötzlich ab. Gleichzeitig war das Beiboot der Familie Japp aus dem Lichtkegel des Suchscheinwerfers verschwunden. Da es wegen der hochgehenden Wellen nicht möglich war, ohne Gefährdung  für Schiff und Leben der Besatzung, die Suche aufzunehmen, brach der Schiffsführer Gerd Stecher mit Einverständnis von Gerd Japp die Rettungsaktion ab. Das Feuerlöschboot  lief mit der erschöpften und zutiefst erschütterten Besatzung nach Finkenwerder zurück.
Am nächsten Tag erreichten Rettungskräfte und Bootsbesitzer  aus Blankenese die Insel und fanden die Leichen von  Wilma Japp und den Kindern. Der Hausrat hing in den Bäumen und war über die ganze  Insel zerstreut. Die Unterkunft  der Familie war zerstört.
Gerd Japp blieb der Inselwart auf Neßsand. Jetzt wurde ein großer Radarturm auf der Insel errichtet und eine flutsichere Anlegestelle. Das neue Heim der  Familie Japp, Gerd Japp hatte eine neue Lebenspartnerin gefunden, liegt flutsicher auf einer Warft.
Die Insel ist jetzt Rückzugsort  für durchziehende Zugvögel und ein wertvolles Biotop. Die Insel darf nicht von Unbefugten betreten werden.
Heiner Fosseck
PS: Der Bericht stützt sich auf einen Artikel von Werner Hoffmann „Die grüne Spur“. Zwei Jahrzehnte amtlicher Naturschutz in Hamburg. 1957 – 1977. Vision und Erfahrung
Die Schilderung vom  dramatischen Rettungsversuch der Feuerwehr wurde dem Buch „Die große Flut“ (Freie und Hansestadt Hamburg, Schulbehörde) entnommen.

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