Montag, 12. März 2012


Blankenese ist schön

In einem verregneten Sommer 2011 hatten wir das Glück einen Tag ohne Regenschauer zu erleben, Ich hatte mich erboten, 14 Ostfriesen aus Norden mal zu zeigen, dass es auch in Blankenese an der Niederelbe doch recht anspruchsvolle Spaziergänge gibt.  So trafen wir uns am Blankeneser S-Bahnhof und zogen durch die Blankeneser Bahnhofstraße zum nächstem Bäcker, um Butterfranzbrote einzukaufen. Die gibt es fast nur in Hamburg. Hessepark wurde durch wandert, und dann den Steiler Weg hinunter, zum Op:n Kamp. Hier gab es schon wunderbare Aussichten auf Süllberg und Elbe. Am Brandts Weg besuchten wir Renate Schade, die in einem wunderbaren Haus hoch über der Elbe wohnt. Kröger runter und zum Fischerhaus an der Elbterrasse nauf. Hier ruhte noch still das Haus. Aber dann kam doch noch jemand und schloss das Haus auf. Das Heimatmuseum wurde besichtigt und weiter an das wunderschöne Haus eines Blödelbarden aus Ostfriesland vorbei zum Süllberg. Der Schlüssel für den Turm wurde abverlangt und dann etwa 100 Stufen empor.
Superweite Sicht von Wedel bis zur Hamburger Innenstadt und Freihafen.
Jetzt kam die Cap San Diego vorbei. Sie tutete dreimal und wir waren recht angetan. Ein schönes ehemaliges Schiff der Hamburg – Süd. Jetzt ging es wieder abwärts. An einer damaligen Bäckerei vorbei, die kürzlich restauriert und aufwendig renoviert wurde und nun  für vier Millionenzweihundertfünfund siebigtausend  angeboten wird. Am Bull’n war richtig was los und weiter ging es bis zur Treppe Am Hang. Kreuz und qur ging es sehr anstrengend nach oben und wir waren froh, dass wir endlich den Bahnhof erreicht hatten. Der 36er Bus kam pünktlich und die ganze Gruppe verschwand Richtung Hamburg.
Ein schöner Tag in Blankenese war zu Ende.
Heiner Fosseck

Sonntag, 11. März 2012

Tod auf Neßsand


                                                      Tod auf Neßsand   
Der Schweinesand  mitten in der Elbe am Hauptschifffahrtsweg  vor Blankenese wurde  durch Aufspülung  zum Neßsand. Hatte man doch Teile vor Finkenwerder  -  das Neß  - weggebaggert, um eine ausreichende Wasserfläche für Wasserflugzeuge zu bekommen.
Der junge  ehemalige deutsche Soldat Gerd Japp, hatte im Krieg den linken Arm verloren und sich nach dem zweiten Weltkrieg  angesichts  der schweren Wohnungsnot in Hamburg in einer ehemaligen Flakbaracke auf dieser Elbinsel vor Blankenese eingerichtet und wohnte hier mit seiner Frau Wilma Japp  und später mit den Kindern Karin, Ingo und Jutta  ein Leben wie Robinson Crusoe mitten in Hamburg.
Die Insel selbst ist ein Unikum. Gleich drei Länder stoßen auf dieser Elbinsel zusammen und drei Verwaltungen haben Besitzansprüche  und Zuständigkeiten. Doch nach dem  Zusammenbruch im Mai 1945 hatte der damalige Leiter Duve des Hamburger Naturschutzamtes  in Gutsherrenart Jörg Japp  auf der Insel als freien Mitarbeiter ohne Entgelt und Bindung angeworben und vereinnahmt. Ein kleines Schlauchboot war  für Versorgungsfahrten  vorhanden.
Später wurde ein ordentliches Anstellungsverhältnis mit Gerd Japp begründet. Gerd Japp war jetzt Mitarbeiter des Naturschutzamtes  und Inselwart von Neßsand.  Das war auch vonnöten, denn  nicht nur Blankeneser , sondern  Sonnenhungrige aus ganz Hamburg überfluteten an sonnigen Sommertagen die Insel. Hier wurden Zelte aufgebaut und Behelfsheime errichtet. An der Südkante war sogar ein Nacktbadestrand und von Blankenese aus fuhren mindestens drei Barkassen  im Sommer zur Insel. Da musste Ordnung geschaffen werden.
Da drei Länder ihre Zuständigkeiten anmeldeten, musste Hamburg erstmal  abklären, wer  federführend die Aufsicht über die Insel haben sollte. Na klar, Hamburg, denn die Hamburger hatten schon einen Inselwart installiert. Ohne langes Aufsehen wurden die touristischen Ansprüche der Hamburger auf der Insel eingeschränkt. Man fuhr jetzt auch lieber nach Norderney und Italien.
Am Freitag, den  16.  Februar 1962 fuhr der Inselwart Gerd Japp mit seiner  Barkasse, einem ehemaligen Vermessungsboot, nach  Blankenese und vertäute das Schiff am Bull’n. Er wollte zum Wochenende seine schulpflichtige älteste Tochter Jutta  von der Gorch – Fock – Schule abholen und auf die Insel zurück bringen.  Durch den Sturm, der sich im Laufe des Tages zum Orkan auswuchs, war es ihm nicht möglich auf der Insel anzulanden.
Verzweifelt  rief er die Wasserschutzpolizei zur Hilfe. Die informierte die Hamburger Feuerwehr, denn die hatte ein größeres Feuerlöschboot bei der Deutschen Werft liegen, das bei dem hohen Wellengang, der während des Orkans auf der Elbe herrschte, besser geeignet erschien.
Von der Feuerwache Finkenwerder setzte sich ein Feuerlöschboot mit dem Schiffsführer Gerd Stecher und seinen sieben Männern  in Richtung Blankenese in Marsch.  Blankenese wurde erst nach fast einer Stunde Fahrzeit erreicht. Hier stieg Gerd Japp mit ins Boot. Die Fahrt von Blankenese Anleger bis zur Südkante von Neßsand zog sich wegen des mit aller Macht tobenden Sturmes endlos hin. Bei der Insel angelangt, es war inzwischen Nacht geworden, sahen Gerd Japp und die Feuerwehrmänner im Scheinwerferlicht des Bootes  Frau Japp und ihre jüngsten Kinder in einem Beiboot sitzen, das auf den Wellen zwischen Baumspitzen auf der Insel trieb. Allem Anschein nach war es der Frau noch gelungen, das Boot am Dach oder einer Baumkrone festzubinden. Die Feuerwehr setzte vom Löschboot aus  ein mit drei Männern besetztes Schlauchboot ein, um an die ca. 100 Meter entfernte Frau heranzukommen. Bereits wenige Meter vom Löschboot entfernt wurde das Schlauchboot mit drei Männern von den Wogen erfasst und zum Kentern gebracht.Sie befanden sich unter dem Kiel des Feuerlöschbootes. Die Feuerwehrmänner konnten nur mit größter Mühe lebend geborgen werden. Sie waren Gottseidank angeleint gewesen.  Die Schreie von Wilma Japp die bis dahin fetzenweise bis zum Feuerlöschboot hin vernehmbar waren, brachen urplötzlich ab. Gleichzeitig war das Beiboot der Familie Japp aus dem Lichtkegel des Suchscheinwerfers verschwunden. Da es wegen der hochgehenden Wellen nicht möglich war, ohne Gefährdung  für Schiff und Leben der Besatzung, die Suche aufzunehmen, brach der Schiffsführer Gerd Stecher mit Einverständnis von Gerd Japp die Rettungsaktion ab. Das Feuerlöschboot  lief mit der erschöpften und zutiefst erschütterten Besatzung nach Finkenwerder zurück.
Am nächsten Tag erreichten Rettungskräfte und Bootsbesitzer  aus Blankenese die Insel und fanden die Leichen von  Wilma Japp und den Kindern. Der Hausrat hing in den Bäumen und war über die ganze  Insel zerstreut. Die Unterkunft  der Familie war zerstört.
Gerd Japp blieb der Inselwart auf Neßsand. Jetzt wurde ein großer Radarturm auf der Insel errichtet und eine flutsichere Anlegestelle. Das neue Heim der  Familie Japp, Gerd Japp hatte eine neue Lebenspartnerin gefunden, liegt flutsicher auf einer Warft.
Die Insel ist jetzt Rückzugsort  für durchziehende Zugvögel und ein wertvolles Biotop. Die Insel darf nicht von Unbefugten betreten werden.
Heiner Fosseck
PS: Der Bericht stützt sich auf einen Artikel von Werner Hoffmann „Die grüne Spur“. Zwei Jahrzehnte amtlicher Naturschutz in Hamburg. 1957 – 1977. Vision und Erfahrung
Die Schilderung vom  dramatischen Rettungsversuch der Feuerwehr wurde dem Buch „Die große Flut“ (Freie und Hansestadt Hamburg, Schulbehörde) entnommen.

Kleine Chronik der großen Sturmflut vom 17. Februar 1962 Aus der Sicht des Hauses „Elblust“ in Blankenese, Strandweg 54


 aufgeschrieben von Dipl..-Ing. Herbert Gudehus
Die Astrologen sagten, 1962 werde ein Jahr der Katastrophen sein
Das Jahr ließ sich auch  stürmisch an. Bis Mitte Februar hatten die Halligen schon acht oder 10-mal „Landunter“,  und auf dem Vogelsand bei Cuxhaven strandeten zwei große Schiffe.
Im Büro in der Stadt merkte man von all dem aber wenig, und
mehrmals wunderte ich mich beim Nachhausekommen zu hören, dass wieder stürmischer Wind, Seegang und hohes Wasser auf der Elbe gewesen waren.
In der Nacht vom 5. Zum 6. Februar, als die Astrologen wegen einer ganz ungewöhnlichen Planetenkonstellation, verbunden mit Sonnenfinsternis, Weltuntergang prophezeit hatten, war es an der Nordsee und Elbe, wie überall in der Welt, friedlich und ruhig.
Am Montag, den 12. Februar, da ging es richtig los.
Da heulte der Wind  auch in der Stadt und auf dem Schlachthof und es regnete an diesem Tag das halbe Monatssoll. Der Sturm riss viele Dächer los, unter anderem 3000 qm Dachpappe von der neuen Großmarkthalle, die am 2. Juni eröffnet werden sollte. Das Wasser stieg am Knüll auf die Straße, etwa so hoch,  wie ich es bei der Sturmflut von 1954 fotografiert habe (es sollen etwa 2,50 m über Normal-Hochwasser gewesen sein).
Am Freitag, den 16. Februar 1962, wurde es noch schlimmer. Schon mittags wurden die Böen orkanartig, dazu Regen, Hagel, Schnee und obendrein noch ein Gewitter. Sieben Gefahren bedrohten mich, als ich mit dem Wagen nach Hause fuhr: Schon auf der Königsstraße in Altona wollten die Böen den Wagen zur Seite schleudern, plötzliche dichte Schneefälle nahmen, obwohl der Scheibenwischer krampfhaft arbeitete, fast jede  Sicht, Schneematsch brachte größte Rutschgefahr, fallende Äste und Dächer, stürzende Bäume drohten  von oben und lagen am Wege, der Blitz hätte auch gern eingeschlagen , und am Knüll musste ich  schon durch 20 cm tiefes Wasser fahren und fürchten, unter Wasser in Löcher  zu geraten, da die Wellen schon viele Pflaster- und Gehwegsteine fortgerissen hatten. (zum  Teil schon am Montag.)

Den schlimmsten Seegang habe ich leider nicht mehr  gesehen. Auf der Elbe sonst unbekannte, mächtig lange Roller, abreißender Gischt, kein Schiff außer den schwer kämpfenden Cranz-Barkassen. Als ich nach Hause kam – es ebbte – ging die See aber noch lang und hoch, und das Wasser fiel kaum. Um 23 Uhr Steilebbezeit, war es schon wieder im Steigen. Der Rundfunk warnte mehrfach vor einer sehr hohen Sturmflut in der Nacht. Da gegen 5 Uhr normalerweise Hochwasser sein sollten, stellte ich den Wecker auf 5.15 Uhr, um mich dann über den Wasserstand zu informieren.

Innere und äußere Unruhe, bei Mutti auch wie üblich der Mondschein, rissen uns aber um halb Eins Uhr an das Fenster. Die Wogen rauschten, der Sturm heulte, die Nachbarn waren auf dem Vorland mit ihren Booten beschäftigt, und als die Wolken aufrissen und der fast helle Mond hell strahlte, da sahen wir es: Das Wasser stand schon auf dem Strandweg und spülte in unsere Einfahrt, wo der Nachbar Bastaert übrigens seinen Wagen vor unserer Garage in Sicherheit gebracht hatte. Hesschs derbes Boot kam ins Schwimmen, geriet durch die Pforte auf die Straße, wurde dort festgebunden, bald durch die Wellen hochgerissen, bald schwer auf das Pflaster stoßend. Die Straßenlampen flackerten nur alle fünf Sekunden kurz auf und gaben es nach einer halben Stunde ganz auf, weiter zu brennen. Das Wasser stieg und stieg, wir waren, weil der Weg über den Berg bei Sturm und Dunkelheit gefährlich war, von der Außenwelt abgeschnitten- les Sequestres de Blancnez – und konnten die Ereignisse nun wirklich nur noch aus der Sicht des Hauses Elblust beobachten.

Der Nachbarjunge Pauki Meyer klingelte uns aus den für kurze Ruhe wieder bestiegenen Betten, um uns vor dem Eindringen von Wasser durch die Siele in den Keller zu waren. Diese Warnung erschien uns noch unnötig. Pauki war sehr stolz, dass das Meyersche Boot, höher aufgebockt, als das Heesch’sche , sich hielt. Aber das Wasser stieg weiter. Ein Ding, wie ein Leviathan  so groß, sahen wir im Halbdunkel immer wieder gegen den Vorlandzaum treiben und ihn schließlich niederreißen. Als der Mond wieder einmal hell schien, zeigte sich das Ding als 15 m langer Duckdalben-Pfahl, der nun halb quer übers Vorland, zur Hälfte noch davor lag und uns ahnen ließ, was er , im Wellenschlag arbeitend, für Unheil anrichtete.
Heesch , in seinem Boot sitzend, schwamm nun frei in Strandwegsmitte, hielt mit nassen Füßen (trotz hoher Gummistiefel= heldenhaft viele Stunden darin aus. Wir sahen seine Zigarre leuchten. Es war eine Sturmnacht ohne Regen.

Die Wellen rollten nun fast ungebrochen über Vorland und Strandweg und spülten über den Vorgarten bis zum Öltankdeckel.
Wir schauten vom Balkon nach unten und sahen das Wasser vor der Garage gluckern. Jetzt trieb uns die Sorge doch in den Keller, wo denn auch  das Wasser aus den Sielen schon im Vordringen war. Und ich, schon nasse Schuhe bekommend, schnell noch alle empfindlichen Sachen vom Fußboden höher stellte. Gleich danach ging auch bei uns das Licht aus.

Inzwischen war auch das Meyersche Boot  ins Schwimmen gekommen, und Vater Meyer nebst Pauki war lange, aber schließlich doch vergeblich bemüht, es mit der Leine auf ihrem Vorland zu halten. Es schwamm davon und landete am Zaum zwischen Schneider und Freund. Der Zaum litt, aber er hielt. Bootstrümmer, Masten und dergleichen sah man über den Strandweg vorbeitreiben. Der Leviathan hatte den östlichen Vorlandzaun bei uns durchstoßen ,ragte nun halb nach Lee heraus und konnte nicht weiter, weil sein Ende auf eines der beiden dort noch verankerten, nun zu Wracks werdenden Boote stieß.

Vom Bull‘n sahen wir ein blaues Flackerlicht, anscheinend ein Notlicht. Pauki hatte schon gemeint, dass der Bull’n weil die ihn haltenden Pfähle nicht hoch genug sind, davon treiben würde.
Der höchste Wasserstand muss in Blankenese gegen halb drei Uhr nachts am Sonnabend, den 17. Februar 1962, gewesen sein. Als wir um drei Uhr noch einmal hinausschauten, war das Wasser schon etwas gefallen.

Jetzt fanden wir endlich einige Stunden Schlaf. Am Sonnabendmorgen war das Gas erst schwach, gerade für lauen Nescafe und rasieren langend, und fiel dann ganz aus. Telefon war auch ausgefallen, der Strom fehlte, und damit ging auch die Ölheizung nicht. Gut, dass wir den Kachelofen haben und dieser sich auch brav heizen ließen.

Was unsere Moni angeht, so war sie am Freitag auf das Kostümfest ihres Anglo-Amercan-Club gegangen, hatte dort den „Nowak“ zu singen und wollte bei einer Freundin in Hamburg, schlafen. Wieso standen aber am Sonnabendmorgen ihre Schuhe, klatschnass, im Badezimmer?  War sie doch da? Ja, sie lag im Bett, noch mit blau untermalten Augen und Glitzer im Haar. Die Freundin hatte sie verpasst, war mit dem ersten Zug nach Blankenese  gefahren, und fand, gegen fünf Uhr, die Treppe unten am Knüll mit Budentrümmern verbarrikadiert. Als Moni über die Barrikaden stieg landete sie knietief im Wasser und ging nun mit Todesverachtung  durchs Wasser nach Haus und stolperte noch fast über das Boot von Heesch. Bei der Dunkelheit kein Wunder, dass sie sich unabgeschminkt ins Bett legte und, kaum genesen, wieder einen Schnupfen bekam. – Gut, dass sie nicht früher kam. Das Wasser wäre ihr dann bis zur Taille gegangen.

Mit dem Wasser im Keller war es nicht so schlimm, es ließ sich mit Besen bald wieder in die Siele treiben, soweit es nicht von selbst abgelaufen war. Am schlimmsten stand es im Heizungskeller, etwa fünf cm, und konnte dort dank baupolizeilich verordneter Schwelle  an der Tür und den Bodenablauf nicht abfließen. Timms chemische Schläuche, als Saugheber verwendet, brachte auch dieses Wasser allmählich aus dem Hause. Unter dem Koks und Briketts wird es wohl noch länger maß bleiben.

Vor der Garage lag viel Feek und Holz, und die Wellen hatten dort rechts vor der Tür ein Loch von etwa 1 m  Durchmesse und 70 cm  Tiefe ausgekolkt. Dieses Loch habe ich dann, um das Haus  bei einer neuen Sturmflut nicht zu gefährden, erst einmal – zeitweilig mit Jowi Sturms Unterstützung – entfeekt und ausgefüllt. Nun ließ sich die Garagentür öffnen. Auch drinnen lag Schlamm und Feek und klebte an den Wänden, so dass sich der höchste Wasserstand genau messen ließ: 18 cm über dem Garagenfußboden.  Diese Sturmflut soll mit 4,06 m über Normalhochwasser (nicht NN) in Hamburg die höchste seit 300 Jahren, höher als die von 1825 (von der ich sonst nicht weiß)  sein. Bei Manskopf am Knüll , wo die Sturmflutmarke von 1916 angebracht ist, ist die Eingangstür zerstört. Das können die Wellen allerdings auch vollbracht haben, wenn der (ruhend gedachte) Wasserstand nicht viel höher wäre als die alte Sturmflutmarke. Ich habe ja aber schon lange den Verdacht, dass diese Marke nur deshalb höher gesetzt worden ist, als sie sitzen müsste, damit die Hunde sie nicht mehr anpien. 

Der Strandweg war am Sonnabend trocken, aber voller Sandes, zum größten Teil von unserer Auffahrt, wo der Boden unterhalb der ersten Treppe um 15 cm gesunken, die Treppe unterspült, die Pflanzen aus der Ordnung geraten waren. Vom Rasen des Vorgartens hatten die Wellen mehrere Stücke, zusammen etwa 8-10 qm, fortgerissen und Löcher hinterlassen.

Auf dem Vorland war der Rasen noch leidlich erhalten, soweit der Leviathan ihn nicht zerdrückt hatte. Von den Beeten war der Mutterboden fort, die Blumenzwiebeln  mit Knospen lagen zum Teil ganz lose, wenn sie überhaupt noch da waren, und mit anderen Pflanzen lag es ähnlich, vor allem an der Westseite, wo der gänzlich niedergebogene oder gebrochene Zaun auch Büsche weggedrückt hatte, unter anderem  den schönen Wacholder. Der hölzerne Gartenzwerg, Muttis Kunstwerk, ohnehin altersgrau, hatte sich auf eine weitere Reise gemacht, ist ja aber populär und wurde mir von Hilpert Dreesen wiedergebracht. Auch der Gartenzwerg von der Stange wurde von Nachbarskindern am Strand gefunden und uns restituiert. Das Elterngrab war aber nur noch ein Trümmerhaufen und musste ganz neu aufgebaut werden.

Der Leviathan wurde von Nachbarjungen zersägt – bedrohte er doch auch ihr Vorland! – und nach Lee davon befördert. Der Zaum des Vorlands ist aber  auch an der Ostseite so beschädigt und verbogen, dass kaum noch etwas davon zu retten ist. Zu loben ist das alte Natursteinmauerwerk des Vorlandes, das dem Anprall der Wogen gut standgehalten hat, und zu loben ist auch Meister Militzers Werk, die Mauer vorn auf dem Vorland, die fast unbeschädigt ist.

Viel Holz lag auf dem Vorland, am Strande, auch zum Teil auf dem Rasen vor dem Hause, und wurde von Rolf und mir in Sicherheit gebracht, um für die nächsten Jahre als Feuer- und Nutzholz zu dienen. Darunter viele Bretter, bis 8 m lange Schiffsplanken, auch zwei Masten, deren Eigentümer sich ja vielleicht noch melden werden.

Ein Gang über den Strandweg zeigte, dass unsere eigenen Schäden zu den bescheidensten gehören. Bei Bastaert nebenan ist nicht nur der Keller vollgelaufen, sondern auch der Laden und die Wohnung. Margarine und Bohnerwachs fanden wir u.a. vor unserer Garage. Bei Resis Laden und den Wohnungen daneben sieht es nicht besser aus.

Bei Peters ist der Strandweg durch einen 8 m langen Kessel und zwei große Schuppendächer  von Bootsbauer Schuldt versperrt. Bei den Garagen am Strandweg, - z. B. bei Frankes (deren eigener Wagen in Sicherheit war), unten am Krumdal und im Osten nahe dem Strandhotel hat der Sturm erst die Türen eingedrückt, dann die Wagen gebeutelt, so dass sie rundherum zerknautscht und z. T. wohl schrottreif sind, weil auch die Motoren, Polster usw. unter Wasser waren.

Viele Vorgartenmauern sind eingestürzt, besonders im Westen, wo keine Vorländer sind, und die Gärten weggerissen, so dass der Rest des Rasens über einer Steilküste steht. Auch bei Wittes ist die schöne rote Mauer fast auf der ganzen Länge eingestürzt. An vielen Stellen sind Pflaster und Asphalt aufgerissen. Bei Bootsbauer Schuldt auf dem Strandweg ein solches Durcheinander von Booten und Trümmern, dass man nur auf Umwegen hinweg klettern kann. Das uralte hölzerne Werkstattgebäude aber – es steht, geschützt durch die davor liegenden Boote. Nur das Schuppenzeugs vom Vorland ist verweht und vertrieben.

Die erste, alleeartige Strecke vom Falkensteiner Ufer bis Ottmar Harmstorff ist mit Feek und Holz in mehreren  Lagen übersät, dazwischen mehrere Boote, unter anderem die große Stahlyacht „Proesa“ die vom Vorland hier zwischen die Bäume getrieben ist.

Der gusseiserne Pavillon vom Baa' schen Vorland steht noch. Sonst sind alle Gartenpavillons von den Vorländern verschwunden, natürlich auch „Minnas Bude“ , also der Lindemannsche Verkaufspavillon. Der Verkauf geht von der Wohnung aus weiter. Die Pavillons der Gastwirtsschaften sind schwer demoliert. Bei Ahrberg ist die schöne große Weide, die am Rand des Vorlandes stand, auf den Strand gestürzt.

Im Schifferhaus haben die Jungens, so berichtet Rolf, in der Nacht im knietiefen Wasser getanzt. Der Wirt Thöne macht es mit Humor, hat Schilder angebracht  „Boote sind an der Theke anzubinden“ u. dergl. Beim Farbenkeller hatten wir Freitagnachmittag  noch die Abschottung mit vier Brettern, die mit Kitt gedichtet waren, bewundert. Es hat nichts genützt. Das Wasser ist von hinten oder unten gekommen, und der Keller stand gestrichen voll, dazwischen die Waren. In der Kellerküche  des Strandhotels soll es auch schlimm ausgesehen haben.

Natürlich kamen schon am Sonnabend immer mehr Neugierige und Hilfsbedürftige, teils um nach Schäden zu fragen, teils wegen der für den Nachmittag angedrohten neuen Sturmflut. Das Wasser stieg aber, obwohl es zeitweise wieder heftig wehte, am Knüll nur kniehoch, und die Jungs machten sich ein Vergnügen daraus, mit Ölzeug und Wasserstiefeln  hindurch zu stapfen. Bei einem Spaziergang stellten wir fest, dass bei beiden Sammelbecken der Wasserwerke am Falkensteiner Ufer die Dämme vorn auf eine breite Strecke gebrochen waren. Man sieht hier nun zwei Hafenbecken.

Die „Welt“ kam am Sonnabend, etwas verspätet, aber doch noch zu früh, um über das Ausmaß der Katastrophe genügend berichten zu können. Das Radio war ja mit dem Strom ausgefallen. Immerhin hörte man am Strand im Laufe des Tages allmählich, dass es den Leuten in anderen Teilen Hamburgs viel schlechter  gegangen war als den meisten Blankenesern vom Strandweg. Den Blankenesern ging natürlich der Fall des Herrn Japp besonders nahe, der mit Familie in einem Holzhaus auf dem Neßsand wohnte. Er war in der Sturmnacht zufällig mit einem Kind zum Einkaufen in Blankenese und soll verzweifelt und ohne Erfolg die Polizei und andere Stellen gebeten haben, seine Familie zu retten. Die Frau und zwei Kinder sind ertrunken.

Am Sonnabend bestand unsere Kost aus kalter Milch und Butterbrote von morgens bis abends, von etwas lauwarmen Plör abgesehen. Da wir müde waren und das Lesen bei Kerzenlicht zu anstrengend  ist, gingen wir früh ins Bett.

Am Sonntag war der Wind gelinde, die Sonne schien, das Thermometer stieg außen bis auf 9° , und die ersten gelben Krokus blühten vor unsere, Hause. Stundenlang haben Rolf, Lore, Ruthchen und ich , zeitweise auch Mutti und Marion Fortquignon, nachdem ich vorher 5-6 Karren voll Feek und Unrat von der Auffahrt an den Strand geschafft hatte, den Sand von der Auffahrt an den Strand geschafft hatte und die Löcher im Rasen aufgefüllt . Der Schwarm von Neugierigen war dabei etwas lästig. Natürlich war auch viel Verwandtschaft und Bekanntschaft dabei, die teilweise viel Schlimmeres befürchtet hatten. Mutti und ich haben schließlich beim Verlegen der
Gehwegplatten für die Auffahrt auf dem vorher mit einem Brett panierten Untergrund mittelgute Plattenlegerarbeit geleistet.

Mittags konnte Mutti bei der freundlichen Nachbarin Meyer auf dem Kohlenherd einen bekömmlichen Eintopf kochen, mit den eigentlich zum Braten bestimmten Koteletts. Zum Kaffee gingen wir zur Großmutti. Kurz vorher kam der elektrische Strom wieder. Abends haben wir im bräunlich-gelben, aber schön warmen Wasser gebadet. In solchen Fällen ist die Kohlenfeuerung  auch im Badezimmer ein Segen. – Telefon und Gas hatten wir auch am Montag noch nicht, und die elektrische Kochplatte ging erst mal kaputt.

Erst am Mittwoch, vier Tage nach der Sturmflut, war morgens wieder Gas in der Leitung und mittags auch das Telefon wieder heil.

Montag und Dienstag waren schulfrei. Rolf war mit Freunden in Neuenfelde, wo die Einwohner sich in der Kirche als einzig trockenen Platz zurückgezogen hatten und am Sonntag zum großen Teil mit Schiffen und dann mit Bussen über Blankenese in Notquartiere  gebracht wurden. Rolf sollte nach unserer Putzfrau, Frau M.fragen. die in Neuenfelde hinter dem Elbdeich wohnte. Er traf sie mit Mann und Koffern an, im Begriff, zu Bekannten nach Buxtehude zu fahren. Das Wasser soll in ihrem Haus brusthoch gestanden haben, wobei unklar bleib, ob die Brüste von Herrn und Frau M. wirklich benetzt wurden. Während der Abwesenheit der Bewohner waren Räuber in das Haus  eingedrungen und hatten Uhren und Wertsachen gestohlen. Es ist also wirklich geplündert worden, obwohl dies verschiedentlich durch die Zeitungen bestritten wurde. Rolf und seine Freunde haben dann noch eine Zeitlang geholfen, von einem Hubschrauberlandeplatz vor dem Deich Wasser in Plastikbeuteln, Mineralwasser und anderes nach einer Sammelstelle zu bringen. Sie haben alleine in Neuenfelde 5-6 Deichbrüche gesehen, und viel tote Vieh.

Da Maurer und Schlosser schwer zu bekommen sind und da Mutterboden knapp ist, wird es mit dem Vorland wohl noch viele Monate, vielleicht bis zum nächsten Jahr dauern, bis es wieder einigermaßen repräsentabel aussieht. Aber sonst dürfen wir mit, unserem bisschen Malheur, verglichen mit dem Schicksal anderer, zufrieden sein. Wir sind noch einmal davongekommen.

Meldung der „Welt“ vom 20. 2. 1962 : 5,78 m über NN
                                               ( 1825:  5,24 m über NN)